"Wusste nicht mehr, wie es weitergeht"
01.04.2025 – thorsten eisenhofer

Lasse, von den Ärzten hast du im Januar grünes Licht für die Fortsetzung deiner Leistungssportkarriere bekommen. War es für dich persönlich auch einfach, zu einer Entscheidung pro Leistungssport zu kommen?
Ich habe schon lange überlegt, ob ich weitermachen will, hätte es im vergangenen Sommer nicht entscheiden können. Da war alles plötzlich anders, vieles neu. Dann ging es aber Stück für Stück in Richtung Normalität. Ich konnte wieder anfangen, locker zu trainieren.
Ich habe am Anfang sehr langsam gemacht, es war trotzdem toll, sicher wieder zu bewegen. Das Zutrauen in den eigenen Körper ist dann langsam zurückgekommen. Das Trainingslager in Namibia Anfang des Jahres war aus trainingstechnischer Sicht dann der letzte Schritt zurück in die Normalität.
Die Rückkehr auf die Wettkampfebene ist nun der nächste Step, der ansteht. Aber ich fühle mich gut überwacht und bereit, im Mai in die Saison zu starten. Ich genieße es sehr, alles wieder machen zu können.
Wie kann man sich diese gesundheitliche Überwachung vorstellen?
Ich bin nicht dauerüberwacht, aber ich fühle mich trotzdem sicher in dem, was ich tue. Schließlich habe ich eine Sporttauglichkeit beschienen bekommen. Und das war ein wohlüberlegter Schritt der Ärzte.
Ich treffe mich alle paar Wochen mit meinem Kardiologen, wir schauen uns dann die Herzfrequenz und das Herz an, machen ein EKG. Zudem bekomme ich alle paar Wochen einen Gurt, vergleichbar mit einem Pulsgurt, mit dem während der Belastung ein EKG aufgezeichnet wird.
Wie lange hast du gebraucht, um Sicherheit in deinen Körper zurückzugewinnen?
Wenn Angst dabei wäre, würde es keinen Spaß machen. Für mich war es ganz wichtig, zu verstehen, was passiert ist, was Risiken sind. Der Rest an Sicherheit ist durch die gewonnene Erfahrung zurückgekommen, da kam stückchenweise die Leichtigkeit im Training zurück.
Ich hatte immer die Haltung, dass es weiter geht und Sport Teil meines Lebens ist. Für mich war nur lange nicht klar, ob es im Leistungssport klappt.
Was haben die vergangenen Monate mit dir gemacht?
Ich hatte auch vorher schon verletzungsbedingte Rückschläge in meinem Leben, beispielsweise durch die Achillessehnenverletzungen. Ich bin es gewohnt, mit Rückschlägen umzugehen. Aber es ist natürlich schon so, dass ich noch sensibler geworden bin, was meine Gesundheit angeht.
Der Herzinfarkt hat schon etwas mit mir gemacht, ich horche mehr in mich hinein, nehme kleine Veränderung der Gesundheit extrem wahr und schätze die Gesundheit sehr wert.
Mehr als vorher?
Ich wusste schon vorher, wieviel Gesundheit wert ist. Ich denke, ich bin etwas gelassener geworden, versuche, weniger Stress aufkommen zu lassen und Situationen im Alltag lockerer zu sehen.
War das ein Prozess?
Ich habe nach wie vor großen Ehrgeiz, will erfolgreich sein. Trotzdem tut so ein Prozess gut, in dem man nachdenkt, manches überdenkt. Bei mir hat das dazu geführt, dass ich das Leben mehr schätze.
Wenn man zurückschaut, sind die besten Erlebnisse im Sport nicht die Einheiten, die man voll durchgezogen hat, sondern die vielen Erlebnisse mit den Trainingskollegen. Deswegen habe ich auch die Möglichkeit des Resets genutzt, trainiere jetzt zum Beispiel komplett in Freiburg bei einem Trainer vor Ort (Wolfram Bott, Anm. d. Red.), weil ich merke, dass mir die Gruppe und der tägliche Austausch guttut.

Wie oft blickst du zurück?
Selten. Die Zeit hat keinen Spaß gemacht, viel Energie gekostet und war sehr zermürbend. Es sind keine guten Erinnerungen für mich. Ich habe immer versucht, das Positive zu sehen, hadere nicht mit mir.
Im Frühjahr 2024 hattest du viele sportliche Ergebnisse, die du dir nicht erklären konntest, bevor dann die Diagnose Herzinfarkt diese erklärte. War diese Diagnose daher so eine Art Erlösung - oder ein kompletter Schlag ins Gesicht?
Ich verstehe, was du mit Erlösung meinst, aber für mich war es keine, weil durch die Diagnose so viele Probleme aufgepoppt sind. Ich wusste von dem einen auf den anderen Moment nicht mehr, wie es weitergeht, es war eine sehr schwierige und ungewisse Situation.
Im Mai wird es nun dein Wettkampf-Comeback geben, erst einmal über eine für dich neue Distanz, die Mitteldistanz. Gehst du diesen Schritt, um etwas Neues auszuprobieren oder auch, weil Mitteldistanzrennen in ihrer Intensität weniger belastend für das Herz sind?
Ich glaube nicht, dass Mitteldistanzrennen (Lasse bestreitet den Ironman 70.3 Venedig - Jesolo und den Ironman 70.3 Kraichgau, Anm. d. Red.) weniger anspruchsvoll sind. Es sind auch sehr schnelle Rennen mit maximaler Belastung und die Dauer des Rennens kann, je nach Temperatur, auch körperlich sehr zehrend sein.
Ich habe mich in den vergangenen Jahren komplett auf die Kurzdistanz fokussiert, mit dem Blick auf Olympia. Ich habe in dieser Zeit nicht nach rechts und nicht nach links geschaut und bin auch der Meinung, dass man beides gut kombinieren kann.
Ich möchte international auf der Kurzdistanz wieder Fuß fassen, entsprechend wird man mich im Sommer auch auf dieser Distanz sehen, in internationalen Rennen, aber auch in der 1. Bundesliga.
Wie würdest du dein Sportjahr 2025 betiteln?
Als Comeback-Jahr, in dem ich Spaß haben und Gas geben will.
Ist Olympia 2028 weiterhin dein großes Ziel?
Grundsätzlich ist es sehr reizvoll und ich habe große Lust, den Fokus darauf zu richten und mich in den zwei Jahren zuvor daran auszurichten. Aber das vergangene Jahr hat mich auch verändert, ich mache keinen Vier-Jahresplan mehr, ich plane jetzt bis zum Sommer - und schaue dann weiter.
Ich glaube, dass ist eine Einstellung, die für mich funktioniert, im Hier und Jetzt zu leben, weil ich gesehen habe, wie viel in einem Jahr passieren kann. Aber klar ist auch: ich hoffe, dass ich in vier Jahren noch als Leistungssportler aktiv bin, wenn es noch Spaß macht und sich noch richtig anfühlt.
Spaß spielt bei dir eine große Rolle.
Spaß und Freude sind für mich entscheidend im Trainingsalltag. Ich habe mich auch deshalb entschieden, weiterzumachen, weil mir Sport immer noch sehr viel Spaß und Freude macht. Auch an Tagen, an denen es nicht so gut läuft, kann ich dem Sport etwas abgewinnen, weil mir das große Ganze Freude bereitet.